Anhalteweg und Bremsweg richtig berechnen

Bei der Länge des Bremsweges können schon wenige Meter über Leben und Tod entscheiden. Doch wie lässt sich der Bremsweg berechnen? Und welche Faktoren spielen dafür eine Rolle? Wichtige Informationen zu diesem Thema liefert der folgende Artikel.

Zusammenhang zwischen Anhalteweg und Bremsweg
Anhalteweg = Reaktionsweg + Bremsweg
 

Der Bremsweg eines Fahrzeugs ist eines der wichtigsten Kriterien, wenn es um Verkehrssicherheit und Unfallforschung geht. Daher entwickeln Fahrzeughersteller und Reifenfabrikanten ständig neue Systeme, Strategien und Produkte, um Anhaltewege zu verkürzen und damit Gefahrensituationen im Straßenverkehr zu vermeiden. Dies jedoch beginnt nicht erst beim Tritt auf die Bremse. So spielen vor allem Assistenzsysteme eine immer wichtigere Rolle.

Gesamter Anhalteweg ist entscheidend

„Intelligent Drive“ heißt es bei Mercedes Benz, als  „Connected Drive“  bezeichnet BMW die neuen Systeme: Innovative Assistenzprogramme erkennen Gefahren wie Fußgänger bis zu 50 Meter im Voraus und unterstützen den Fahrer durch Warnsignale, Bremsdruckerhöhung oder gegebenenfalls auch durch eine systemgesteuerte Vollbremsung. Denn wie schnell ein Fahrzeug zum Stehen kommt, hängt nicht nur vom  Grip der Reifen  ab. Vielmehr ist das Anhalten ein vielschichtiger und interaktiver Prozess zwischen Fahrzeug und Fahrer. Im Gegensatz zum Bremsweg spricht man hierbei vom „Anhalteweg“. Dieser unterteilt sich in verschiedene Abschnitte.

1. Reaktionsweg (Vorbremszeit)

Wird vom Autofahrer eine Gefahr registriert, muss diese Information zum Gehirn gelangen, dort verarbeitet werden und eine Reaktion auslösen. Diesen Prozess bezeichnet man als Reaktionszeit, die in der Regel circa 0,8 Sekunden dauert (je nach Alter, seelischer Verfassung, Ermüdung oder etwaigem Rauschmittel-Einfluss). Ist der Entschluss zur Bremsung gefasst, muss der Fuß vom Gaspedal auf die Bremse umgesetzt werden. Hierbei wird von Umsetzzeit gesprochen. Etwa zwei weitere Zehntelsekunden vergehen, bevor die Bremse nach Treten des Pedals anspricht (Ansprechzeit) und bevor hiernach der Bremsdruck so weit aufgebaut ist, dass die Räder blockieren (Schwellzeit).

Diese Zeitspanne, die während des Reaktionsweges vergeht, wird als Vorbremszeit bezeichnet. Es ergibt sich also folgende Formel:

  • Vorbremszeit = Reaktionszeit + Umsetzzeit + Ansprechzeit + Schwellzeit ≈ 1 Sekunde

Für die Länge des Reaktionsweges spielt vor allem die gefahrene Geschwindigkeit eine entscheidende Rolle. Aus der Annahme von einer Sekunde Vorbremszeit ergeben sich aus verschiedenen Fahrgeschwindigkeiten folgende Reaktionswege:

  • 50 km/h: 13,9 m
  • 70 km/h: 19,4 m
  • 100 km/h: 27,8 m

Der Reaktionsweg kann sich verlängern, wenn der Fahrzeugfahrer unter Alkohol- oder Drogeneinfluss steht, Medikamente eingenommen hat oder müde ist.

2. Bremsweg (Bremszeit)

Als Bremsweg wird die Strecke bezeichnet, die ein Fahrzeug zwischen dem Greifen der Bremsen und dem kompletten Stillstand zurücklegt. Der Bremsweg hängt von drei Faktoren ab:

Eine exakte Berechnung ist daher äußerst schwierig. Trotzdem existiert eine Faustformel, mit welcher sich der Bremsweg recht genau berechnen lässt.

Die Bremsweg-Formel

Man unterscheidet beim Bremsen zwischen einer Gefahrenbremsung und einer normalen Bremsung. Beim alltäglichen Bremsen betätigt man das Bremspedal deutlich sanfter als bei einer Vollbremsung. 

Man kann den normalen Bremsweg ganz einfach mit dieser Formel berechnen:

  • Bremsweg (m) = Geschwindigkeit (km/h) / 10 * Geschwindigkeit (km/h) / 10

Beispiel:

  • Bremsweg bei 80 km/h = 80/10 * 80/10 = 64 Meter

In der Regel wird bei einer Gefahrenbremsung das Pedal voll durchgetreten. Man kann durch die erhöhte Bremskraft davon ausgehen, dass sich der Bremsweg halbiert.

Hier lautet die Formel für den Bremsweg bei Gefahrbremsung :

  • Bremsweg (m) = Geschwindigkeit (km/h) / 10 * Geschwindigkeit (km/h) / 10 / 2

Beispiel:

  • Bremsweg bei 80 km/h = (80/10 * 80/10) / 2 = 32 Meter

Achten Sie jedoch darauf, dass diese errechneten Werte ausschließlich Anhaltspunkte sind. Je nach Fahrzeugtyp und Straßenzustand kann der Bremsweg deutlich kürzer oder auch länger sein.

Der Anhalteweg-Formel

Damit Sie den Anhalteweg genau berechnen können, müssen Sie zum Bremsweg den Reaktionsweg hinzurechnen. Es gibt auch für den Reaktionsweg eine Faustregel. Diese lautet:  

  • Geschwindigkeit in km/h: 10 x 3 = Reaktionsweg in Metern

Wenn Sie mit Ihrem Fahrzeug also mit einer Geschwindigkeit von 50 km/h unterwegs sind, dann müssen Sie mit diesem Anhalteweg rechnen:

  • Reaktionsweg = (50/10) * 3 = 15 Meter
  • Der normale Bremsweg ist ungefähr = 50/10 * 50/10 = 25 Meter
  • Anhalteweg bei Normalbremsung = 15 Meter + 25 Meter = 40 Meter
  • Bremsweg bei Gefahrenbremsung = (50/10 * 50/10) / 2 = 12,5 Meter
  • Anhalteweg bei Gefahrbremsung = 15 Meter + 12,5 Meter = 27,5 Meter

Der Reaktionsweg

Der Reaktionsweg umfasst zum einen die Reaktionszeit, die der Körper benötigt und zum anderen die physikalische Reaktion. Wie lange braucht der Fahrer, um auf die Gefahr zu reagieren? Im Durchschnitt benötigen Autofahrer für diesen Prozess etwa eine Sekunde. Jedoch kann sich der Reaktionsweg verlängern, wenn der Fahrzeugfahrer unter Alkohol- oder Drogeneinfluss steht. Auch wenn man spezielle Medikamente eingenommen hat oder müde ist, kann sich diese Reaktion verlängern. Wir zeigen Ihnen eine Formel, welche genau angibt, wie viel Meter Sie innerhalb Ihrer Reaktionszeit bei einer gewissen Geschwindigkeit zurücklegen. 

Rechenbeispiel:

Wenn Sie mit einer Geschwindigkeit von 80 km/h unterwegs sind, dann weist der Reaktionsweg in einer Sekunde ungefähr 24 Meter auf.

  • Die Berechnung: 80/10 x 3 = 24 Meter.

Wenn Sie unter Einfluss von Alkohol stehen und dadurch langsamer reagieren, verlängert sich diese Zeit auf etwa zwei Sekunden. Das bedeutet, dass sich der Reaktionsweg sozusagen verdoppelt. Wenn Sie also mit einer Geschwindigkeit von 80 km/h unterwegs sind, dann bedeutet dies, dass der Reaktionsweg dann 48 Meter beträgt.

Teil 2: Faustformeln für die Bremswegberechnung | 1 2

Autor: Henrik Lode